Gesucht wird: Der Schwarzblaue Ölkäfer (Meloe proscarabaeus L., 1758) und seine Verwandten (Coleoptera: Meloidae)

Johannes Lückmann

Manche Käferkenner beschreiben ihn als ‚laufende Zigarre auf sechs Beinen‘. Und im Vergleich zu manch prunkvollem Pracht-, Bock- oder Rosenkäfer kommt er eher unscheinbar und plump daher.  Wohlmeinend könnte man auch sagen, „er weiß seine wahre Schönheit und seine Werte gut zu verbergen“. Und doch hat er einen Titel, den nicht viele Käfer verliehen bekommen: „Insekt des Jahres 2020“ in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Aber diese Auszeichnung trägt er zurecht, denn der Schwarzblaue Ölkäfer (Meloe proscarabaeus L., 1758) besitzt wie alle Vertreter dieser Familie Eigenschaften, die für sich allein schon etwas Besonderes darstellen, in ihrer Gesamtheit ihn aber einzigartig machen. Beispielsweise betragen die Reproduktionsraten von M. proscarabaeus bis zu 40.000 Eiern je Weibchen und die Larven der meisten Ölkäfer, deren erstes Stadium aufgrund der besonderen Bildung der Klauen als Triungulinus bezeichnet wird, parasitieren in den Nestern von Wildbienen, in die sie sich phoretisch eintragen lassen. Dort zeigen sie eine Entwicklung, die aufgrund der großen morphologischen Unterschiede zwischen den verschiedenen Stadien als Hypermetamorphose bezeichnet wird. Damit aber nicht genug, umfasst die prä-imaginal Entwicklung ein Scheinpuppenstadium ehe die wirkliche Puppenhäutung stattfindet, was für Käfer einzigartig ist. Neben diesen entwicklungsbiologischen- und ökologischen Besonderheiten zeichnen sich Ölkäfer durch den Besitz der giftigen Substanz Cantharidin aus, welches nach bisherigen Erkenntnissen ausschließlich von den Männchen gebildet und als Brautgeschenk auf die Weibchen übertragen wird. Den abgelegten Eiern sowie den daraus schlüpfenden Larven dient es als Schutz vor räuberischen Feinden. Aber nicht nur in der Natur spielt Cantharidin eine interessante Rolle. Aufgrund des Besitzes des Cantharidins blicken Ölkäfer zudem auf eine etwa 4000 Jahre zurückreichende, wechselvolle und facettenreiche Kulturgeschichte zurück. So wurden die Käfer in verschiedensten Mixturen innerlich und äußerlich gegen zahlreiche Erkrankungen verwendet und kleingemörserte Käfer und Trinkuren als Aphrodisiaka eingesetzt. Und da bekanntlich die Dosis das Gift macht, war die Verwendung als heimtückisches Mordgift durchaus gebräuchlich.  

 

 

Der Schwarzblaue Ölkäfer (Foto: Auer)
Der Schwarzblaue Ölkäfer (Foto: Auer)

 

Die Familie der Ölkäfer ist in Deutschland gerade einmal mit 18 Arten vertreten, was im Vergleich zu manch anderer Käferfamilie wie den Lauf-, Rüssel- oder Kurzflügelkäfern eher bescheiden daherkommt. Aufgrund der obligaten Bindung an das Vorkommen von Wildbienen als Wirte sowie die drastischen Lebensraumveränderungen seit etwa des Zweiten Weltkrieges, sind die Bestände der meisten Arten stark zurückgegangen, bei einigen Arten sogar erloschen. In Westfalen ist das Vorkommen von neun Arten belegt. Vier davon wie die Spanische Fliege gelten als verschollen und nur eine, nämlich der Schwarzblaue Ölkäfer kann in bestimmten Teilen Westfalens noch regelmäßig gefunden werden. Bemerkenswert ist, dass zwei Arten Ende der 1990er Jahre (Herbst-Ölkäfer) bzw. 2011 (Pelzbienen-Ölkäfer) erstmals für Westfalen nachgewiesen werden konnten. Und von einer Art (Seidenbienen-Ölkäfer) ist der Erstfund für Westfalen und Niedersachsen zu erwarten, da sie sich in Ausbreitung befindet und bereits in der Region Nordrhein angekommen ist. Zudem sind Wiederfunde von als verschollen eingestuften Arten nicht auszuschließen. 

Die Meloe-Arten sind mit Ausnahme des Herbst-Ölkäfers ausgesprochene Frühjahrstiere und i.d.R. auf Wiesen, Weiden, Mager- und Trockenrasen anzutreffen. 

 

Die faunistische Erfassung von Ölkäfern fristete in Westfalen und auch in ganz Deutschland lange Zeit ein Schattendasein, ehe seit Mitte der 1990er Jahre vermehrt über Funde berichtet wurde und auch die bemerkenswerte Natur- und Kulturgeschichte stärker in den Blick trat. Die Ernennung eines Vertreters dieser Familie zum Insekt des Jahres wurde schließlich zum Anlass genommen, (endlich) die Bearbeitung der Ölkäfer für die Coleoptera Westfalicia, eine Veröffentlichung/Zusammenstellung  aller historischen und aktuellen Funde des Naturkundemuseums Münster in Angriff zu nehmen, die es erlaubt Bestandsveränderungen und Gefährdungen der Arten zu beurteilen. Um ein möglichst vollständiges Bild über die aktuelle Verbreitung der verschiedenen Arten in Westfalen und den angrenzenden Bundesländern Niedersachsen und Hessen sowie zum Nordrhein zu erhalten, bedarf es einer soliden Datenbasis, in die neben Funde aus Museen sowie der Literatur auch möglichst viele Nachweise von Sammlern und naturinteressierten Personen einfließen sollen und müssen. Da Ölkäfer i.d.R. eher zufällig gefunden oder beobachtet werden, ist die Kenntnis dieser Nachweise besonders wichtig. Der NABU Kassel unterstützt diese Initiative und bittet die Bevölkerung um Beteiligung. Aufgerufen werden alle Naturfreunde, ihre Beobachtungen und Funde von Ölkäfern an Dr. Johannes Lückmann (E-mail: oelkaefer@t-online.de) mitzuteilen. Gute Fotos sind zur Identifizierung hierfür ausreichend bzw. notwendig, um die Artbestimmung vorzunehmen bzw. die Bestimmungen zu verifizieren.